Beschluss der BAG Wissenschaft, Hochschule, Technologiepolitik vom 21.04.2024
Eine fundamentale Transformation unseres Lebens und Wirtschaftens im gegenwärtigen Zustand krisenhafter Entwicklungen kann nur mit der Bündelung aller gesellschaftlichen Kräfte gelingen. Die enormen technologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, die allein schon durch den Klimawandel zu bewältigen sind, erfordern neue Formen der aktiven Zusammenarbeit von Hochschulen und Wissenschaft mit institutionellen und individuellen Akteuren in Gesellschaft, Kultur, Politik und Wirtschaft. Dies macht neue, über die bisherige Praxis hinausgehende Konzepte von Transfer – verstanden als zentraler dritter Aufgabenbereich der Hochschulen neben der Forschung und Lehre – nötig.
Unser Verständnis von Transfer basiert auf den folgenden Leitgedanken:
- „Transfer“ wird nicht mehr einseitig als Input verstanden, den Hochschulen und Wissenschaft in Form von Wissens- und Technologietransfer den nicht-akademischen Bereichen der Gesellschaft geben können, sondern wird begriffen als ein Prozess des Austauschs zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteur*innen. Idealerweise entsteht dabei ein Mehrwert für alle am Prozess Beteiligten im Rahmen eines
Netzwerkes von Kooperationsbeziehungen auf Augenhöhe. Ein Mehrwert entsteht z.B. durch die Einbindung von Alltagswissen, lebensweltlichen, praktischen und persönlichen Erfahrungen u. v. m. in die Wissenschaft auf der einen Seite sowie die Vermittlung von Faktenwissen wie auch Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens auf der anderen Seite.
- Ein zentrales Element unserer Transfer-Strategie ist die langfristige Etablierung regionaler Netzwerke und Strukturen in Form von Innovations-Ökosystemen. Ein wesentliches Instrument einer solchen Strategie ist die Einrichtung von regionalen Science Offices, welche Angebote und Bedarfe sowohl für die wissenschaftlichen als auch die nicht-wissenschaftlichen Akteur*innen identifizieren, bündeln und koordinieren. Die Science Offices ermöglichen übergreifenden Austausch zwischen Wissenschaft, Unternehmen, Gesellschaft, Politik und Kultur und sind Anlaufstellen für alle Akteur*innen, egal ob Forschende, Studierende, Unternehmerinnen oder Bürgerinnen. Alle Formen der Zusammenarbeit sollen unterstützt werden – von Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen über die wissenschaftliche Beratung politischer Entscheidungsträger, Citizen-Science-Projekte bis hin zu
gemeinsamen Forschungsvorhaben von akademischen und nicht-akademischen Akteur*innen.
- Gelingende Wissenschaftskommunikation wird als dauerhafte und dauerhaft zu finanzierende Transfer-Aufgabe von Hochschulen angesehen. Sie braucht professionelle Strukturen, um Wissenschaftler*innen in der Kommunikation und Interaktion zu unterstützen. Wir wollen zum einen eine differenzierte, bedarfs- und zielgruppenangepasste Bereitstellung von Fachwissen und Expertise – dies ist nur möglich in einem wechselseitigen Dialog zwischen akademischer und nicht-akademischer Welt. Zum anderen wollen wir mehr Lernmöglichkeiten als Open Educational Resources (OER) zur Verfügung stellen. Unser Ziel ist es, dass Interessierte an einem Thema eine Vielzahl an Lernressourcen online zur Verfügung haben. So wie Wissenschaftsbildung in Schule und Hochschule das Bewusstsein für wissenschaftliche Prozesse schafft, dient Wissenschaftskommunikation dazu, aktuelle Erkenntnisse in einen Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft einzuspeisen. Dafür brauchen Hochschulen Mittel, um diese Ressourcen gezielt und kuratiert zur Verfügung zu stellen.
- Damit Innovation ihr gesellschaftliches Potential entfalten kann, braucht es Gründungen. Die Förderung von Ausgründungen wird deshalb als Bestandteil von Transfer begriffen. Diese sollen z.B. in Form von Gründungszentren und Inkubatoren gefördert werden. Unter „Ausgründungen“ verstehen wir dabei sowohl
unternehmerische Ausgründungen in klassischer Form als auch in nicht-gewinnorientierter Form im Sinne von Social Entrepreneurship oder gemeinnützige Organisationsformen, die sich aus dem fachwissenschaftlichen Diskurs der Hochschulen heraus entwickeln. In einem solchen weiten Begriff von Entrepreneurship sind damit alle wissenschaftlichen Gebiete in den Begriff der Innovation eingeschlossen und förderungswürdig. In Lehre und Forschung sollen entsprechend in allen Fächern potenzielle Anwendungsmöglichkeiten systematisch mitgedacht werden.
- Zwar stellt die aufgabenbezogene Anwendungsforschung, die – im Sinne von Transfer – gesellschaftliche Bedarfe widerspiegelt, eine wichtige Ausrichtung von Hochschulen dar. Zugleich ist jedoch Grundlagenforschung, auch für disruptive, marktverändernde Innovationen, unerlässlich. Wir kennen nicht die Fragen von morgen und übermorgen. Welche Gebiete der Wissenschaft relevant werden, kann niemand vorhersagen. Eine breite Grundlagenforschung, bei welcher die Forschenden Gegenstände und
Methoden frei bestimmen, wollen wir durch eine deutliche Stärkung der Grundfinanzierung der Hochschulen stärken und damit die Abhängigkeit von Drittmittel-Finanzierung, sei sie staatlich oder privat, deutlich reduzieren. Zudem soll auch drittmittelfinanzierte Forschung generell dem Prinzip der Open Science verpflichtet werden, um Forschung transparent und replizierbar zu gestalten und um den Transfer von Wissen und Erkenntnis zu gewährleisten. Die Nutzung von Forschungs- und Hochschulinfrastruktur durch gewinnorientierte Unternehmen wird von diesen bezahlt, entlang von Kriterien der Gemeinwohlökonomie und ökonomischem Ertrag.
Insgesamt geht unser Konzept von Transfer einher mit einem Innovationsverständnis, das sich an den SDGs orientiert und auf verschiedenen gesellschaftlich relevanten Ebenen (organisatorisch, kulturell, politisch, wirtschaftlich, technologisch, sozial) verortet. Es spiegelt damit zugleich die Anforderungen eines tiefgreifenden Transformationsprozesses in ganzer Breite.